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Was dem Film inhaltlich fehlt – „Gott ist nicht tot“: eine Analyse (2/5)

Redaktionelle Anmerkung: Diese Filmanalyse entstand bereits 2019 als Beitrag für ein am Ende doch nicht realisiertes Rezensionsprojekt.

Teil 1

Es gibt eigentlich keinen essentiellen oder wesentlichen Grund für die Charaktere, speziell in Richtung Christentum zu schauen, sondern der Film „Gott ist nicht tot“ liefert letztlich überwiegend akzidentielle oder zufällige Motive für das Christentum seiner Akteure: Die Leute sind halt nun einmal in Amerika, und in Amerika ist man eben christlich. Bezeichnenderweise besucht Willie Robertson (Duck Dynasty), der mit einer US-Flagge als Kopftuch herumläuft, dementsprechend z.B. keine Kirche, sondern er gibt Amy sein Interview vor einem bloßen Worship Center, einem „Anbetungszentrum“, das halt mit einem Kreuz verziert ist.

Die entfremdete Bedeutung des Christentums

Das Christentum wird als individuelles dharma des erfüllten us-amerikanischen Bürgertums präsentiert. Es ist zudem dialektisch in dem Sinne, als es sowohl dem modernen, säkularen und hedonistischen Amerika als auch anderen, fremden und nicht-amerikanischen Ansätzen entgegensteht, die sich gegen dieses moderne Amerika wenden (beispielhaft im Film: Islam und chinesische Moderne).

  • Der Protagonist Josh muss sich zwischen einerseits seinem dharma und andererseits seiner Freundin, die für kama (weltliche oder materielle Freuden) steht, entscheiden, weil diese wiederum ihren artha (Wohlstand, Erfolg) durch Joshs dharma gefährdet sieht. Zugleich setzt Josh auch seinen eigenen artha aufs Spiel. Durch Joshs Erfolg wird jedoch der dharma seiner Kommilitonen ebenfalls (mit-)verwirklicht, indem diese zum moksha (Befreiung, Erlösung) kommen, insofern sie dem ideologischen Zwang des Professors entrissen werden. So verwirklicht Josh gleichsam die Hierarchie der „vier legitimen Ziele“ des Hindu-Dharma.
Die vier legitimen Ziele des Hindu-Dharma.
  • Der Professor als Antagonist muss zu seinem dharma zurückfinden, den er aus eigennützigen Motiven heraus zugunsten von artha (Wohlstand, Erfolg) verlassen hat. Er wird am Ende von einem Auto überfahren: Einerseits geschieht dies, obwohl er sich in seinem Herzen bereits bekehrt hat, was zwar den Tun-Ergehens-Zusammenhang vordergründig zu unterlaufen scheint, umgekehrt jedoch natürlich auch als karmischer Spätausläufer gedeutet werden kann. Andererseits aber wird der Professor erst dann auch formal wieder in den christlichen dharma aufgenommen, wenn er sich absolut nicht mehr dagegen wehren kann.
  • Im Verlauf des Films wird gezeigt, dass sich zwei Studenten aus einem fremden dharma in den christlichen dharma Amerikas integrieren. In diesem Zuge wenden sich beide jeweils gegen ihre Väter: Damit entscheiden auch sie sich gegen die damit verbundenen kama und artha, wobei der christliche dharma diesen beiden zugleich moksha (Befreiung, Erlösung) vermittelt.
    • Ayisha, die moslemische Studentin, integriert sich in den christlichen dharma, indem sie den dharma ihrer angestammten Familie verlässt. Begleitendes Motiv ihrer Bekehrung ist die Schrift (1 Kor 15 und Phil 4,12) bzw. der ihr daraus versprochene moksha als Gegenentwurf zum Verschleierungsgebot ihres väterlichen dharma.
    • Martin, der chinesische Student, integriert sich in den christlichen dharma, indem er den dharma seiner angestammten Familie hinter sich lässt und sogar die Chancen seines Bruders auf ein Auslandsstudium (wie es ihm selbst ermöglicht wurde) gefährdet. Das Motiv seiner Bekehrung ist ebenfalls moksha, hier in Form von Joshs Auftreten gegen den Professor, der von Martins väterlichem dharma wiederum als unhinterfragbare Autorität gehandelt und gesetzt wird.
  • Amy, die linksatheistische Bloggerin, erhält durch ihre Eingliederung in den christlichen dharma eine Linderung ihres schlechten karma, und sie erfährt darin zugleich ihr moksha in Bezug auf moha (Verblendung) und mada (Hochmut).
  • Mina, die Freundin des Professors und Schwester von Amys Freund Mark, lernt im Verlauf des Films, ihre dysfunktionale Beziehung zum Professor zu beenden, und das heißt: In ihrem psychotherapeutischen Gespräch mit Pastor Dave lernt sie, dass ihr dharma wichtiger ist als jedweder kama, den sie aus ihrer Beziehung mit dem Professor ziehen kann. Denn: Nur in ihrem dharma besitze sie wirklichen Wert, nur hierin könne sie selbst für ihr Selbstwertgefühl sorgen, und nur in ihrem dharma werde sie wirklich selbst bestätigt – nicht in der Beziehung zu einem anderen Menschen. So findet Mina in ihrem dharma ihr moksha von der emotionalen Unterdrückung durch den Professor, was am Ende ihre eigenen Emotionen im Newsboys-Konzert freisetzt.
  • Willie Robertson aus der Reality-TV-Serie „Duck Dynasty“ verkörpert den familiären und ökonomischen Erfolg des christlichen dharma, und er zeigt so, dass artha und kama durchaus legitim und dharmisch gewollt sein können, wenn nur der richtige dharma darüber steht. Seine Figur fungiert so als eine Art hoffnungsvolle Präfiguration für Josh Wheaton und dessen (vorläufigen) Verzicht auf artha und kama, was sich gleichsam in beider Bezug zu Mt 10,32-33 zeigt. Entsprechend darf er im abschließenden Newsboys-Konzert das Wort an die versammelten Menschen richten und sie zum Handeln aufrufen.
  • Amys Freund und Minas Bruder Mark hingegen steht für das exakte Gegenteil Robertsons: Er verkörpert artha und kama, die durch lobha (Gier, Geiz) angehäuft wurden, denn er priorisiert vor allem artha weit über seinen (eigentlich christlichen) dharma. Darum ereilt ihn im Laufe des Films das Orakel, dass sein moha hinsichtlich der Priorisierung von artha gegenüber dharma von einem missgünstigen deva (überirdisches Wesen) oder asura (Dämon) stamme und ihn im samsara (beständiges Wandern) halten werde, so dass eine Flucht daraus für ihn unmöglich werde.1
  • Die Gospel-Popband Newsboys ihrerseits verkörpert geradezu moksha: nicht zuletzt indem und weil am Ende des Films (fast) alle diejenigen, die zum christlichen dharma gehören, um die Band versammelt werden, wodurch die Freisetzung von in der und durch die Welt unterdrückten Emotionen hergestellt und ermöglicht wird. Ausnahmen hiervon sind lediglich der Professor sowie die beiden Pastoren, die dessen Unfall erleben sowie seinen Tod begleiten und schließlich feiern. Zudem führen die Newsboys Amy in den christlichen dharma ein.2
  • Pastor Dave schließlich verköpert den christlichen dharma insofern, als er …
    • … Josh in seinem dharma bestärkt, damit dieser in die Konfrontation mit dem Professor geht;
    • … Mina in ihrem dharma bestärkt, damit diese sich vom Professor löst;
    • … Ayisha in ihrem dharma bestärkt, damit sie den Verlust ihres väterlichen artha durchsteht;
    • … sowie letztendlich den Professor höchstpersönlich wieder in den christlichen dharma einführt, während dieser stirbt.
  • Austauschpastor Jude wiederum verkörpert den christlichen dharma insofern, als er Pastor Dave in dessen dharma bestärkt und damit auf Kurs hält. Seine Rolle als magical negro kann zudem auch als Darstellung eines gutmütigen deva aufgefasst werden: Im Verlauf des Films interagiert Jude eigentlich ausschließlich mit Dave und nicht mit anderen Figuren, so dass er sich auch als Daves persönlicher avatara (Manifestation des brahman) interpretieren lässt.
  • Kara, Joshs Freundin, verkörpert abschließend die Abwendung vom eigenen dharma. Sie ist die einzige Figur im Film, deren Bewegung weg vom christlichen dharma für den Zuschauer illustriert wird: Angetrieben von moha über ihren dharma, hat sie sich an Josh gebunden und so z.B. auf den artha einer besseren Universität verzichtet. Zum einen hat sie das getan, weil sie sich davon auf längere Sicht und in größerer Perspektive kama und artha versprochen hat, zum anderen aber auch, weil sie in Josh, ihrem Freund, die Personifikation ihres dharma wähnte.3 Die Tragik ihrer Geschichte liegt jedoch darin, dass sie nicht erkennt (oder erkennen will), dass nicht Joshs Person, sondern sein dharma ihr eigener dharma ist, weswegen sie an Joshs Entschlossenheit, sein dharma zu realisieren, zerbricht. Im Zuge ihrer Trennung von Josh besinnt sie sich auf den artha ihrer Familie („Meine Mutter hatte sowas von Recht mit dir“) und verschwindet folglich völlig aus der Handlung. Die eigentlich und ursprünglich ihr zugedachte Karte für das Newsboys-Konzert am Ende erhält Martin.

Die Handlung des Films auf diese Weise und in diesen Kategorien darzustellen, ist nun keine bloß begriffliche Spielerei,4 sondern es verrätWesentliches über das Narrativ, das transportiert wird. Die christlich-evangelikale Rhetorik des Films wird dekonstruiert und in eine andere Grammatik überführt – das geschieht (im Wesentlichen) verlustfrei. Damit lässt sich die zugrunde liegende Dialektik (Logik) des Narrativs besser begreifen.

Der defizitäre Gebrauch der Bibel

Als spezifisch christlich erscheint gemäß Film lediglich der Gebrauch der Bibel und nicht das Verständnis von Gott. Verschiedene Charaktere der Handlung verweisen dabei auf unterschiedliche Bibelstellen, doch dies geschieht viel mehr im Sinne einer bloßen Handlungsanweisung oder Betriebsanleitung für das Leben (wie es die Newsboys am Ende auch explizit sagen) und weniger im Sinne einer Antwort auf die Frage, wer der lebendige Gott eigentlich ist (wie es dem traditionellen Gebrauch der Schrift entspricht). Die Bibel erscheint so nicht als liturgische Schrift des Gottesvolks, die eine gemeinschaftliche Gotteserfahrung dokumentiert – das träfe innerhalb der Filmhandlung viel mehr auf das Konzert der Newsboys zu, deren Merchandise im Verlauf der Handlung prominent in Szene gesetzt wird. Stattdessen wird die Bibel lediglich mehr oder weniger als eine Art Privatlektüre gehandelt, die individuelle Anweisungen enthält und eben einfach (zufällig) zum christlichen dharma dazugehört.

  • Der Reality-TV-Star Willie Robertson zitiert in seinem Interview mit Amy aus Mt 10,32-33. Dabei ist besonders interessant, dass der Bezug zu dieser Stelle unmittelbar nach einer Gegenüberstellung von vergänglichen Werten und ewigen Werten kommt, die wiederum in eine Erläuterung seines Geschäfts(modells) eingebettet ist. Robertson kommuniziert so eigentlich bloß einen Nutzenerwartungswert,5 der seiner Lebensweise zugrunde liegt: Er will nicht in die Hölle kommen, deswegen betet er in seiner Reality-TV-Show. Wesentlich besser geeignet, um eine Gottesbeziehung zu kommunizieren, die vergängliche Werte zugunsten des Ewigen übersteigt, wären allerdings Stellen wie Apg 17,28-29 oder Kol 1,16-17.
  • Pastor Dave nennt Josh in Vorbereitung auf die Auseinandersetzung mit dem Professor zwei konkrete Bibelstellen in Bezug auf die Frage, ob und inwiefern er dem Professor die Stirn bieten kann oder soll: Mt 10,32-33 und Lk 12,48. Beide Stellen führen lediglich dorthin, dass Josh es tun solle, und zwar vornehmlich von den Konsequenzen her, die Josh selbst betreffen. Wesentlich besser geeignet wären im Rahmen der Handlung jedoch Röm 1,20 und Apg 17,16-34 oder 1 Kor 9,19-27, denn dort werden der Grund und der Modus einer solchen Auseinandersetzung reflektiert: Weil Gott der Vernunft zugänglich ist, kann und muss man den Diskurs auf Augenhöhe führen. Ebendiese Bibelstellen könnten der von Pastor Dave genannten Bewandtnis, dass die Studenten ohne Joshs Engagement keinerlei „bedeutende Auseinandersetzung mit Gott und Jesus“ hätten, eine Bedeutung verleihen. Wenn der Punkt eines Bibelzitats jedoch nur darin liegt, dass Josh sich vor der Klasse zu Jesus bekennen solle, weil er selbst sonst nicht von Jesus vor dem Vater bekannt würde, dann klingt das zumindest recht egoistisch, und es hat letztlich keinerlei Bedeutung für die anderen. Denn etwas weniger galant formuliert, gibt Pastor Dave dem guten Josh hier zu verstehen: Tu es, sonst kommst du in die Hölle (vgl. Mt 10,32-33). Und: Lo vult (vgl. Lk 12,48).
  • Nachdem Pastor Daves Auto für den Weg nach Disneyland nicht anspringt und er von der Leihwagenfirma erfährt, dass der Mietwagen noch etwas Zeit brauche, beschwert Dave sich über die mondänen Aufgaben, die als Pastor auf ihn warten: Kirchenchor, Bastelbasar und Seelsorge. Pastor Dave jedoch wünscht sich mehr: Er will etwas Richtiges zu tun haben, etwas Sinnvolles, wie er sagt, und nicht diese popelige Gemeindearbeit – er will etwas Verdienstvolles tun wie Jude, der täglich Leute zum Christentum bekehre. Pastor Jude zitiert in Reaktion darauf aus Lk 16,10: „Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen.“ Das kann nun einerseits über den ausgelassenen zweiten Part der Stelle – „und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen“ – als implizite Kritik an Dave gelesen werden. Allerdings ist diese Kritik nicht so fundamental, als dass sie den tatsächlichen Problemkern von Daves Einstellung treffen würde: dass er nämlich offenbar mit der diakonia, dem Dienst am Nächsten, der sich in der Gemeindearbeit realisiert, einen kirchlichen Grundvollzug unter die „kleinsten Dinge“ subsumiert. Damit übernimmt und bestätigt Jude Daves Wertvorstellungen, die die martyria nicht nur in eine Frontstellung zur diakonia setzen, sondern erstere im Gegensatz zu letzterer auch exklusiv als sinnvoll oder verdienstvoll ansieht. Um die Aufgaben eines Pastors ins richtige Licht zu rücken, wäre jedoch eine Stelle wie Joh 21,15-19 sehr viel besser geeignet: darin werden nämlich Gottes- und Nächstenliebe ganz praktisch verknüpft, womit eine Frontstellung von Zeugnis und Dienst am Nächsten ganz prinzipiell unmöglich ist. Somit würde sich der gegebene Bibelvers nicht nur auf Pastor Daves eigenes Geschick beziehen, sondern sowohl auf seine eigene Liebe zum Herrn als auch auf seine daraus entspringenden Aufgaben gegenüber anderen. Zugleich zielt die Stelle aus Joh auf den Grund seiner Mitarbeit an der diakonia – die Liebe zu Jesus Christus (wie unvollkommen sie auch immer sein mag) –, während die Stelle aus Lk qua ihrer Kontextualisierung nach dem Gleichnis vom klugen Verwalter nur mehr auf eine Motivation wegen bestimmter Folgen abhebt: „Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht, und zu betteln schäme ich mich“ (Lk 16,3).
  • Der Professor hingegen zitiert aus der Bibel genau so, wie er auch sonst zitiert: Sein Verweis auf Hiob 12,2 und Hiob 14,1 funktioniert auf exakt dieselbe Weise wie sein zuvor gesetzter Rekurs auf Steven Hawking, und auch das von ihm gegebene Shakespeare-Zitat6 befolgt dieselben Mechanismen, ebenso wie sein Verweis auf das Gnothi seauton7 beim Dinnertreffen der Superschurken. Es geht ihm beim Benutzen solcher Verweise und Zitate ohne Umschweife schlicht um die Autorisierung seiner selbst sowie um die Bestätigung seiner eigenen Meinung, basierend auf dem bloßen Wortlaut der Zitate. Wenn es auf den ersten Blick zu diesem Zwecke taugt, dann verwendet er es: Der Professor liefert sog. proof texting in Reinform.8
  • Nachdem Ayisha von ihrem Vater verstoßen wurde, sitzt sie in Pastor Daves Büro und sucht nach Hilfe und Unterstützung. Dave nimmt sie auf, und gibt ihr zumindest „moralische“ Unterstützung, insofern er auf den Apostel Paulus verweist, der in Phil 4,12 schreibt, dass er sowohl Entbehrung als auch Überfluss kenne und mit beidem durch Christus, der ihm Kraft und Stärke gebe, fertig werden könne. Ayisha wird hier deutlich in die Parallele zu Paulus gestellt. Diese Szene ist damit im Grunde die einzige, in der der Verweis auf die Bibel als genuin für einen anderen erscheint. Das heißt: so lange, bis man beim Weiterlesen zu Vers 17 kommt, in der Paulus den Philippern – die qua Parallele von Pastor Dave repräsentiert werden – schreibt: „es geht mir um den Gewinn, der euch mit Zinsen gutgeschrieben wird„. Der Film vergibt jedoch abseits dieser amüsanten Beobachtung viel mehr eine echte Chance, auf Grundlage dieser potentiell so fruchtbaren Bibelstelle zu zeigen, wie Dave sich von Herzen der diakonia widmet. Pastor Jude weist ihn ja noch extra darauf hin, dass nun die große Gelegenheit gekommen sei, die er sich gewünscht habe – aber mehr als diese moralische Unterstützung gegenüber Ayisha wird im Film nicht gezeigt. Es wird durch sein „Wir sind für dich da“ allerhöchstens impliziert, dass Pastor Dave auch materielle Hilfe leistet und dem verstoßenen Mädchen Obdach und Nahrung gibt – und vielleicht wird am Ende des Films noch angedeutet, dass sie möglicherweise von ihm die Eintrittskarte zum Newsboys-Konzert erhalten hat. In jedem Fall dreht sich Pastor Daves allernächste Szene jedoch darum, dass er nun endlich mit Jude nach Disneyland fahren kann: einerseits, weil das neue Mietauto jetzt tatsächlich funktioniert; andererseits – und in Anschluss an die Lk-16-Szene –, weil er sich mit dieser einen Sache (d.h. so weit es den Zuschauer betrifft: mit der moralischen Unterstützung durch den Verweis auf Phil 4,12) den Urlaub nun auch tatsächlich verdient hat.9
  • Die Newsboys rekurrieren am Ende des Films explizit auf Joh 1,1 und geben an, daraus ihre Kraft zu ziehen. Amy dekonstruiert zwar scheinbar die rhetorische Funktion, die dieses Bibelzitat erfüllen soll, wird dann jedoch trotzdem von dessen rhetorischer Wirkung überwältigt, da sie kein entsprechendes Fundament ihrer eigenen Weltanschauung nennen kann. Der Bibelverweis hat damit unabhängig von seinem Inhalt10 die formale Funktion, sich in Gesprächen und Diskussionen durchzusetzen – das heißt, einen anderen letztlich dergestalt sprachlos zu machen, dass dessen (zumindest verbaler) Widerstand gebrochen wird.

Der Gebrauch von Bibelverweisen, Versen und Zitaten geschieht im Film eigentlich nur auf eine transaktionale Weise, also auf den Austausch und die Verteilung von Gütern bezogen, aber nicht in transzendentaler Hinsicht, d.h. auf die Öffnung gegenüber einem anderen gerichtet.

So kann der Film zwar im Rahmen seiner (konstruierten) Handlung durchaus schlüssig das Fazit „Gott ist nicht tot“ ziehen. Doch was – oder viel mehr: wer der lebendige Gott ist, und warum und wie Gott lebendig ist, wird dabei nicht angesprochen. Es handelt sich bei „Gott ist nicht tot“ also letztlich um eine leere Floskel, die allerhöchstens ausdrückt, dass es doch noch ein irgendwie christlich informiertes amerikanisches Kulturleben gibt. Das überrascht nun weder aus der intrinsischen Perspektive des Films noch aus extrinsischen Beobachtungen, womit die Aussage „Gott ist nicht tot“ keine Bedeutung besitzt oder irgendwelche Konsequenzen nach sich zöge.

Fortsetzung folgt …


Fußnoten

  1. Dies spannt natürlich wieder den Bogen zu Nietzsche und seiner Konzeption der ewigen Wiederkunft des Gleichen, die zuerst in Aphorismus 341 der Fröhlichen Wissenschaft auftaucht. ↩︎
  2. Hier wieder mit der schon von Ayisha gegenüber ihrem Vater vorgenommenen Spezifizierung. ↩︎
  3. Deswegen wollte sie auch für ihn – zu seinem eigenen Besten, wie sie beteuert – die wesentlichen Entscheidungen treffen: Es ging ihr darum, den vermeintlichen dharma aktiv zu hegen und zu pflegen. ↩︎
  4. Und es soll vor allen Dingen auch die dharmische Tradition nicht spielerisch banalisieren. ↩︎
  5. Hier besteht eine Parallele zu Josh, denn der Nutzenerwartungswert ist zentral für die Pascalsche Wette, auf die Josh in seinen Präsentationen Bezug nimmt; davon wird noch zu sprechen sein. ↩︎
  6. „Das Leben ist nichts mehr als eine Fabel, erzählt von einem Idioten, voll mit Schall und Wahn, und sie alle bedeuten nichts.“ – Das Zitat stammt von der Figur Macbeth aus dem Drama Macbeth. ↩︎
  7. Dieses Diktum schreibt er fälschlicherweise Sokrates zu, obwohl traditionell Chilon von
    Sparta als Urheber gilt, während der erste Quellenbeleg dafür bei Heraklit zu finden ist. Als Philosophieprofessor sollte er das eigentlich wissen – und genau das könnte auch Minas verwunderten und ungläubigen Gesichtsausdruck erklären, nachdem sie seinen süffisanten Kommentar hört. Realiter dürften an dieser Stelle aber wohl die Drehbuchautoren geschlampt bzw. schlecht recherchiert haben. ↩︎
  8. Pikanterweise soll der Professor mit dieser Praxis den Antagonisten darstellen, obwohl sie sich essentiell nicht von den anderen hier gegebenen Beispielen unterscheidet. ↩︎
  9. Eine interessante Beobachtung hierzu ist noch, dass Dave damit seinen geäußerten Anspruch – er will ja so wie Jude die Leute zum Christentum zu bekehren – in keiner Weise erfüllt hat. Schließlich war Ayisha bereits ein Jahr lang Christin, bevor er sie überhaupt kennengelernt hat. Effektiv beschränkt sich sein Zutun zum Ganzen, so weit es den Zuschauer betrifft (denn die implizierte materielle Hilfe wurde ja aufgrund der zeitlichen Abfolge der Szenen in Film wenn, dann von seiner Sekretärin organisiert), also wirklich nur auf diesen einen Bibelverweis. ↩︎
  10. Im Film soll an dieser Stelle „das Wort“ wohl implizit auch auf die Bibel bezogen werden, wenn man den Kontext des Gesprächs beachtet. ↩︎

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