Redaktionelle Anmerkung: Die nun folgende mehrteilige Filmanalyse entstand bereits 2019 als Beitrag für ein am Ende doch nicht realisiertes Rezensionsprojekt.
Worum geht es?
„Gott ist nicht tot“ ist ein Filmdrama für junge Erwachsene aus dem Jahr 2014 von Harold Cronk, und es spielen darin Kevin Sorbo, Dean Cain, Shane Harper sowie David A. R. White. Der Film markiert gewissermaßen einen inoffiziellen vierten Teil der „Düstere Legenden“-Filmreihe, die zwischen 1998 und 2005 produziert wurde und sich mit populären modernen Sagen, den sog. urban legends oder Großstadtmythen, beschäftigt.
„Gott ist nicht tot“ konzentriert sich dabei auf solche modernen Sagen, die vor allem im Umfeld des us-amerikanischen Evangelikalismus erzählt werden: Die Haupthandlung des Films dreht sich um Josh Wheaton (Harper), einen evangelikalen Ersti, der seinem anti-theistischen Philosophieprofessor (Sorbo) die Stirn bietet, denn dieser verlangt von seinen Studenten, den Slogan „Gott ist tot“ auf ein Stück Papier zu schreiben. Nach einer Debatte zwischen dem Ersti und seinem Professor im Rahmen von dessen Philosophie-Einführungsvorlesung bekennt sich der Professor jedoch schlussendlich wieder zum Christentum. In Nebenhandlungen setzen sich sowohl eine moslemische Studentin als auch ein chinesischer Student gegen ihre jeweiligen Väter durch, insofern sie sich zum Christentum bekennen. Ebenso bekennt sich die linksatheistische Bloggerin Amy zum Christentum, nachdem bei ihr eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde. Zusammengehalten werden die einzelnen Handlungsstränge durch die Erlebnisse von Pastor Dave (White), der mit seinem afrikanischen Austauschpastor nach Disneyland fahren möchte, dabei aber allerlei unerwartete Überraschungen erlebt.
Das Filmdrama basiert auf dem gleichnamigen Buch von Rice Broocks, und der Film hat bei einem Budget von ca. 2 Millionen US-Dollar über 62 Millionen US-Dollar eingespielt, was ihn zu einem finanziellen Großerfolg macht. Der Film markiert bis heute die erfolgreichste Produktion von „Pure Flix“, einer Produktionsfirma, die von David A. R. White (Pastor Dave) mitgegründet wurde und die sich auf Filme mit evangelikal-christlichen Inhalten spezialisiert hat.
Das Narrativ
„Gott ist nicht tot“ erzählt sehr deutlich ein Narrativ der kulturellen bzw. herrschenden Elite, und das ist in diesem Falle das us-amerikanische Bürgertum: Die Frage nach der individuellen Religion bzw. nach dem persönlichen Glauben wird vom Intellekt bzw. rationalen Erwägungen abgekoppelt und in den Bereich von einerseits objektiv-karmischen Zusammenhängen sowie andererseits subjektiv-emotionalen Zuständen hin aufgelöst. Konstitutiv hierfür ist ein naiver Tun-Ergehens-Zusammenhang, der am deutlichsten präsent wird in Amys Handlungsstrang, die als Atheistin nur Pleiten, Pech und Pannen erfährt: Sie verschläft, ihr Auto wird aufgebrochen, sie hat Krebs, und sie wird deshalb von ihrem ebenfalls atheistischen Freund verlassen. Das Gegenbild hierzu wäre der Cameo-Auftritt von Willie Robertson (Duck Dynasty), dessen Erfolg in familiärer und vor allem wirtschaftlicher Hinsicht (sechs Kinder und Model-Frau; Verkauf von Lockpfeifen für die Entenjagd sowie eigene Reality-TV-Show) in Verbindung mit dessen Bekenntnis zu Jesus gebracht wird.
Dialektik.
Der Film zeichnet seine Charaktere ausschließlich in schwarz und weiß; Graustufen oder Zwischentöne fehlen völlig. Die Akteure sind entweder edelmütig, rein und gut, d.h. evangelikale Christen. Oder aber sie sind arrogant, bösartig und hinterhältig, d.h. säkulare Atheisten. Es handelt sich viel mehr um Karikaturen oder Archetypen denn um glaubhafte Personen. Den größten Kontrast in dieser Hinsicht bieten der (hellhäutige) Professor einerseits – er verkörpert den verbitterten, komplett verweltlichten und hochmütigen Gottlosen –, sowie der (dunkelhäutige) Austauschpastor andererseits – er verkörpert den großherzigen, vollständig spirituellen und immer lächelnden Gläubigen:1 Während der Professor den evangelikalen Protagonisten Josh aufgrund ideologischer Motive herausfordert und aktiv bekämpft, liegt die einzige Aufgabe des Austauschpastoren darin, den evangelikalen Pastoren Dave durch seine tiefe spirituelle Einsicht auf Kurs zu halten.
Vorgeblich auf Grundlage der biblischen Unterscheidung zwischen Kirche und Welt stehend, vertritt das Narrativ doch sehr viel mehr eine schlicht manichäische Sichtweise, die auch bildhaft durch die Darstellung zweier Gemeinschaftsszenen illustriert wird: Zum einen steht das Dinnertreffen des Professors, bei dem die Wein trinkende Sozietät wie eine Runde von Superschurken inszeniert wird. Zum anderen steht das abschließende Konzert der Newsboys, bei dem die wesentlichen und positiven Handlungsträger des Films zusammenkommen, was als allgemeine emotionale Befreiung der Anwesenden inszeniert wird.
Dharma.
Der Film zielt nicht so sehr auf Gott selbst und auch nicht wirklich auf den persönlichen Glauben seiner Charaktere ab. Viel mehr geht es dem Narrativ um die jeweilige über-individuelle oder korporative Zugehörigkeit der Handlungsträger, um deren Verhältnis zu einem faciendum, einem Gesetz oder einer Ordnung, oder auch einem (normativen) Gefüge aus Grundbausteinen der Realität. Dies lässt sich aus der westlichen Geistesgeschichte heraus als religio („Religion“) bezeichnen;2 es kann dies aber wohl noch sehr viel treffender mit dem südasiatischen Terminus dharma3benannt werden. Beispielhaft illustriert wird dies vom Vater der moslemischen Studentin Ayisha, als dieser sie von der Uni abholt: Wenn er nämlich den Bezug zu Gott4 innerhalb der Kategorien kultureller und vor allem kultischer Identität auslegt, insofern er pauschal über das akademische Umfeld spricht, das im Professor und seiner Bande von Superschurken dann in der folgenden Filmhandlung eine besondere Verkörperung erfährt. Dieser Sachverhalt drückt sich auch bildhaft darin aus, dass – wie sich noch zeigen wird – die Filmhandlung in dharmischen Kategorien beschrieben werden kann, ohne wesentliche Elemente wegfallen lassen oder ausblenden zu müssen.
Schließlich wird dieses dharmische Verständnis auch bereits von Beginn an durch den Filmtitel nahegelegt: Der Ausspruch „Gott ist tot“ stammt von Friedrich Nietzsche,5 und er bezieht sich nicht darauf, dass eine Person mit dem Namen „Gott“ entschlafen sei, sondern diese Feststellung betrifft ein Ereignis innerhalb der kulturellen Grundbausteine, namentlich das Abschließen der (Menschen-)Welt in sich selbst. Was der Film illustriert, ist – um weiterhin mit Nietzsche zu sprechen – „der Schatten des Buddha“,6 den seine Anhänger nach dessen Tod in einer Höhle zur Schau stellen: Indem nämlich der Widerspruch „Gott ist nicht tot“ ebenso bloß auf ein kulturelles Phänomen rekurriert – bezeichnend hierfür ist das den Film beschließende Pop-Konzert mit seiner SMS-Kampagne –, wird ein bloßer Schatten ausgestellt, eine schlichte Projektion. Freilich wirft der Bezug zum Schatten das Wollknäuel nun auch in die Richtung von Platons Höhlengleichnis, das auf die Notwendigkeit philosophischer Bildung abzielt: So markiert in dieser Hinsicht die Kontroverse zwischen Josh und dem Professor innerhalb eines Philosophie-Einführungskurses so etwas wie den inhaltlichen Kern des Films.
Deismus.
Der Film vertritt einen zumindest der Tendenz nach recht sterilen Gottesbegriff: In praktischer Hinsicht handelt es sich um ein moralistisches und therapeutisches Geistwesen, eine bloß generische höchste Wesenheit, die eben zum dharmisch-religiösen Leben dazugehört. Das zeigt sich exemplarisch darin, dass keine der Filmfiguren wirklich aus dem Gebet heraus lebt – und damit eben auch nicht aus dem trinitarischen Leben, das recht eigentlich für Christen charakteristisch wäre. Der einzige Akteur, der in die ungefähre Nähe davon kommt, ist Jude, der afrikanische Austauschpastor, der den vom Film propagierten Glauben wohl am stärksten verkörpert. Aber auch dieser spricht, so weit der Zuschauer eingebunden ist, mit einer einzigen Ausnahme7 von einem generischen (und dadurch gezähmten) bloßen „Gott“, und sein markantester Beitrag zum Film besteht im formelhaften Mantra „Gott ist gut zu jeder Zeit, und zu jeder Zeit ist Gott gut“, das er gegenüber Pastor Dave in Schlüsselsituationen anbringt.
Die einzige Szene, die einen spezifischen inhärent christlichen Ansatz zeigt, ist der Dialog zwischen Josh und Pastor Dave hinsichtlich der Frage, ob Josh die Herausforderung des Professors annehmen soll. Sie spielt sich in der Campus-Kirche ab, und Josh geht wohl tatsächlich dorthin, um im Gebet Klarheit über diese Frage zu gewinnen. Hinzu kommt, dass Pastor Dave tatsächlich vom Heiligen Geist spricht, wenn er Joshs inneren Widerstand gegenüber „den Entscheidungen der anderen“, d.h. gegenüber den antagonistischen Atheisten thematisiert. Relativiert wird das Ganze jedoch dadurch, dass dieser Sachverhalt nur mehr die anstoßende Gelegenheit oder höchstens die initiale Motivation für Josh liefert und nicht den Inhalt seines Widerstandes wiedergibt, wie man eigentlich erwarten sollte: Pastor Dave stellt sich in Reaktion auf Joshs latente Frustration über eine ausbleibende Antwort Gottes flugs selbst als göttlichen Sprechakt dar und setzt ihm Mt 10,32-33 vor – eine Bibelstelle, über die noch zu reden sein wird.
Demiurg.
Der Film vertritt komplementär dazu in theoretischer Hinsicht ein demiurgisches Gottesbild, das sich durch die gesamte Kontroverse zwischen dem Professor und Josh zieht. Dessen erste Präsentation leitet der Professor mit einem bissigen Kommentar über einen „obersten himmlischen Diktator“ (supreme celestial dictator) ein – eine der typischen Formeln des „Neuen Atheismus“. Der Professor gibt damit den frame vor, in dessen Umrissen die gesamte Diskussion geführt wird. Eigentlich sollte zu erwarten sein, dass Josh als allererstes diesen Kommentar zurückweist und korrigiert, um so den gesetzten frame zu verlassen. Doch Josh akzeptiert diese Rahmenvorgabe und springt anstandslos über das so hingehaltene Stöckchen.
Dieser frame steht wiederum in Zusammenhang mit einer früher im Film vorgenommenen Einschätzung des Professors: In der konstituierenden Sitzung seiner Vorlesung spricht er nämlich von einem „alten Mann im Himmel“ und einem „weißbärtigen, gutmütigen, allmächtigen Wesen“. Keiner dieser Beschreibungen wird im Film direkt widersprochen, sie werden zu keiner Gelegenheit korrigiert, sondern diese Aussagen werden als diejenige Diskursgrundlage anerkannt, auf der Josh dann seine Argumente einbringt. So kann von vorn herein durch den gesetzten frame maximal ein Demiurg stehen: ein anthropomorpher Handwerker als Schöpfergottheit, der letztlich die Materie bloß formt.
Fortsetzung folgt …
Fußnoten
- Außerdem handelt es sich bei dieser Figur um ein Paradebeispiel für die Erzähltrope des magical negro. ↩︎
- Der Begriff bezeichnet ursprünglich kultische Handlungen und die Verwirklichung von Tugenden, ab dem Frühmittelalter dann das monastische Leben. Er ist aber heutzutage auch ein geradezu typisch „post-religiöser“ Begriff geworden, insofern er überhaupt erst im nach-aufklärerischen Diskurs allgemein verwendet wurde, um Phänomene des gelebten Glaubens und der Beziehung zum Absoluten zu beschreiben. Mithin womöglich ein Grund, warum der Begriff gerade von evangelikaler Seite abgelehnt wird. ↩︎
- Nach hinduistischem Verständnis betrifft dies das faciendum als (kosmisches) Gesetz bzw. (kosmische) Ordnung; nach buddhistischem Verständnis betrifft dies das faciendum als Gefüge aus (normativ aufgeladenen) Grundbausteinen der Realität. ↩︎
- Ayishas Vater sagt hier explizit nicht „Allah“ – im Gegensatz zur späteren Szene, in der er seine Tochter verstößt. Sie wiederum rekurriert in dieser späteren Szene dann explizit auf Jesus. Hierüber wird im Film folglich ein konkreter dharma von einem anderen abgegrenzt. ↩︎
- Fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, Aphorismus 125 ist die wohl bekannteste Stelle, an der das Diktum auftaucht. ↩︎
- Fröhliche Wissenschaft, Drittes Buch, Aphorismus 108. Auch hier begegnet uns das Diktum „Gott ist tot“. ↩︎
- Sein Gebet dafür, dass das Auto nun endlich anspringen möge, damit er mit Pastor Dave endlich, endlich nach Disneyland fahren kann, beginnt mit „Oh, gütiger Vater“. ↩︎

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