Redaktionelle Anmerkung: Diese Filmanalyse entstand bereits 2019 als Beitrag für ein am Ende doch nicht realisiertes Rezensionsprojekt.
An dieser Stelle scheint es nun ratsam, die zuvor bereits eingestreuten konstruktiven Anmerkungen, die darauf zielen, Mängel im Film „Gott ist nicht tot“ zu beheben, etwas weiter auszubauen, um nicht nur Kritisches im Sinne einer bloßen Aufzählung von Defiziten vorzutragen. Ein wesentlicher Bestandteil hierfür ist der Blick auf die Figur der Mina:
Mina ist die Schwester von Mark, gespielt von Dean Cain; dieser hat in den 1990er Jahren den Superman dargestellt. Sie ist zugleich die Freundin des Professors, gespielt von Kevin Sorbo; dieser hat in den 1990er Jahren nicht nur den Jim-Beam-Mann, sondern vor allem den Hercules verkörpert. Superman und Hercules stehen für zwei heterodoxe Ansätze in der Christologie, namentlich für den Monophysitismus bzw. Monotheletismus und für den Arianismus. In der Spannung dieser beiden Heterodoxien steht die orthodoxe Lehre von der hypostatischen Union in Jesus Christus, demnach die göttliche und die menschliche Natur in seiner Person ungeschieden und unvermischt beieinander sind.
Sowohl Cain als auch Sorbo spielen im Film Abbilder ihrer berühmten Rollen:
Der Professor ist als Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie das moderne Äquivalent eines antiken Heroen oder Halbgotts, mit seinem Intellekt in den höchsten Sphären des Äthers und mit seinem Privatleben doch ganz bürgerlich in menschlicher Gesellschaft. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, im philosophischen Augiasstall Gott, Glaube und Religion auszumisten, und er beginnt damit in seinen Lehrveranstaltungen, indem er den Fluss der Philosophiegeschichte umleitet,1 sowie in seinem Privatleben, indem er den Löwen von Juda zu ersticken trachtet, so dass von ihm kein Laut mehr ertönen kann.
Mark hingegen steht als erfolgreicher self-made man und Business-Hai für den Übermenschen, der jenseits von kleinbürgerlichen Moralvorstellungen steht – etwas, das ihm vollumfänglich bewusst scheint – und der jedes seiner Vorhaben zu einem strahlenden Triumph des Willens macht. Ihn interessieren keine zwischenmenschlichen Probleme und Details, sondern er will blanke Resultate sehen und hören, und dafür verfolgt er einen radikalen Transaktionalismus, der sogar so etwas wie Liebe nur in den Kategorien der Durchsetzung des eigenen Willens rezipieren kann.
Die Figur der Mina wäre insofern also, da sie zwischen diesen beiden Bildern heterodoxer Christologie steht, eigentlich sehr gut geeignet, die orthodoxe Christologie zu verkörpern. Zudem ist sie eigentlich geradezu prädestiniert dafür, die verschiedenen separaten Handlungen zusammenzuhalten. Die einzig notwendige Änderung hierfür wäre es, sie zur Assistentin des Professors zu machen, die gerade an ihrer Doktorarbeit schreibt:
- Das kann die für die Karriere des Professors latent problematische Beziehung zwischen beiden konkret werden lassen (im Gegensatz zum bloßen Deklarieren, wie es der Film tatsächlich macht).
- Es kann aber gleichzeitig auch dem Mobbing der als Superschurken inszenierten anderen Professoren eine Grundlage jenseits von „böse Atheisten sind böse“ geben, indem diese als akademische Würdenträger die noch nicht einmal promovierte Mina genau deswegen piesacken, was zugleich einen Kommentar zur Hackordnung in der Uni-Politik bedeuten könnte.
- Als Assistentin des Professors und Vertreterin der orthodoxen Christologie könnte Mina zudem …
- Josh fachliche Unterstützung für seine Präsentationen geben, wodurch er dann mit den vorgenannten alternativen Argumenten auftrumpft (was man halt so von einem Hiwi erwarten kann);
- Martins Konversion insofern begleiten, als sie der im tatsächlichen Film recht unmotivierten Charakterentwicklung eine spezifisch christliche Motivation verleiht (was man halt so von einer orthodoxen Christologie erwarten kann);
- sowie Ayishas Kontaktperson zur örtlichen Christengemeinde sein, wodurch diese wiederum nach dem Rauswurf daheim zu Pastor Dave kommt (was man halt so von christlichem Unipersonal erwarten kann).
Eine zwar nicht notwendige, aber doch sinnvolle weitere Änderung wäre, ihrer pflegebedürftigen Mutter statt Demenz Krebs anzuschreiben, denn so werden zwei wesentliche Beziehungsdynamiken des Films gestrafft:
Die Beziehung zwischen Mina und dem Professor erhält einen echten Konflikt, insofern beider Umgang mit der Erkrankung der jeweiligen Mutter kontrastierend gegenübergestellt wird: Während der Professor über dem naiven do ut des eines Zwölfjährigen verzweifelt ist, trägt Mina diesen schweren Schicksalsschlag mit Fassung und Gottvertrauen. Daraus lässt sich ein plastischer Konflikt zwischen beiden ableiten, da der Professor Minas Hoffnung schlichtweg nicht verstehen kann. Sein abwertendes Verhalten ihr gegenüber beim Dinnerabend könnte so als Reaktion auf einen vorausgegangenen Streit inszeniert werden, den er verloren hat, weil sie sein bloß transaktionales Gottesbild mit ihrem transzendentalen Gottesbild dekonstruiert.2
Die Beziehung zwischen Mark und Amy könnte einen analogen Konflikt erhalten: Im Gegensatz zu Mina, die sich der Erkrankung ihrer Mutter offen stellt, wählt Mark im tatsächlichen Film eine Verweigerungshaltung, wodurch er sie nicht einmal besuchen möchte. Das kann erweitert werden auf Amys Diagnose: Auch hier verfällt er in eine Verweigerung, und es kann sich dadurch zeigen, dass dieser homo faber genau dort komplett versagt, wo er mit Dingen konfrontiert wird, die seinem übermenschlichen Willen unverfügbar sind. Mina könnte über den daraus entstehenden Konflikt mit ihrem Bruder3 Kontakt mit Amy erhalten, wodurch diese wiederum einen erzählerisch nachvollziehbaren und damit glaubhaften Schubs in Richtung Christentum erhalten kann, da Mina Marks transaktionales Menschenbild mit ihrem transzendentalen Menschenbild dekonstruiert.
So stünde die Figur der Mina an einer wesentlichen Position im Gesamtgefüge der Filmhandlung, und sie hätte auf diese Weise zu jeder anderen wesentlichen Figur eine Beziehung, die wirklich Bedeutung tragen kann. Der Film würde dadurch allgemein weniger episodisch und collagenhaft wirken, das Narrativ wäre kompakter, und von dieser Grundlage aus könnten dann weitere wesentliche, und das meint auch und vor allem: spezifisch christliche Inhalte kommuniziert werden.
Fortsetzung folgt …
Fußnoten
- Man stelle sich vor, so einen Philosophieprofessor gäbe es in Wirklichkeit: Er würde in seinen Veranstaltungen wesentliche Inhalte weglassen, so dass die Studenten nach seiner „Einführung“ weniger über Philosophie wüssten als vorher: Sokrates, Platon, Aristoteles, Plotin, Augustinus, die mittelalterliche Scholastik, Descartes, Spinoza, Leibniz und Kant haben alle einen oder mehrere Gottesbeweise als mehr oder weniger wesentlichen Bestandteil ihrer jeweiligen Philosophien vorgelegt. Hier haben die Drehbuchautoren wahrscheinlich auch sehr oberflächlich recherchiert. ↩︎
- Das klingt sehr viel nachvollziehbarer als das, was der Film tatsächlich zeigt: Der Professor – ganz Sommelier – schickt Mina zum Supermarkt, um vom Spirituosenregal einen Rotwein zu holen, und macht sich dann vor seinen Freunden über sie lustig, weil das Discountergesöff nach Plörre schmeckt. ↩︎
- Im tatsächlichen Film akzeptiert sie seine Haltung ohne irgendwie nachzubohren oder ernsthafte Kritik zu üben. ↩︎

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