Redaktionelle Anmerkung: Diese Filmanalyse entstand bereits 2019 als Beitrag für ein am Ende doch nicht realisiertes Rezensionsprojekt.
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Der Film „Gott ist nicht tot“ verpasst wesentliche Gelenheiten, seinem Publikum das spezifisch christliche Gottesbild zu kommunizieren. In dieselbe Richtung weitergedacht wie beim Blick auf die Figur der Mina, scheint es darum wichtig, auch auf die anderen Charaktere des Films zu schauen. Denn aus den Mängeln dieses Films lassen sich so doch auch in konstruktiver Art und Weise Grundlagen für eine Evangelisierung (in) der Kultur ableiten:
Der Professor, Josh, und Gott der Logos.
Die Kontroverse zwischen Josh und dem Professor markiert wie gesehen das inhaltliche Herzstück des Films, darum liegt hier ganz wesentlich der Dreh- und Angelpunkt, ein adäquates christliches Gottesbild zu kommunizieren. Die notwendigen Grundlagen sind mit den jeweiligen Argumenten schon dargelegt, doch eine wesentliche Sache wurde noch gar nicht thematisiert:
Gemäß den formalen Aussagen den Films soll es sich beim Professor um einen Mann der reinen Vernunft handeln, einen Skeptiker und Rationalisten, der sich nicht auf irgendwelchen unvernünftigen Hokuspokus einlassen möchte. Und doch sind die Gründe für seinen Atheismus bzw. Misotheismus überhaupt nicht in der Vernunft verankert – der Professor ist nicht aus rationalen Gründen ungläubig, und rationale Argumente haben nichts mit seiner inneren Haltung zu tun, das heißt auch: sie haben nichts mit seiner Umkehr gegen Ende des Films zu tun. Im Gegenteil, sein Kampf gegen Gott, Glaube und Religion ist eine rein emotional begründete Angelegenheit, die wiederum dadurch angestachelt wurde und wird, dass sein eigener Wille nicht uneingeschränkt gültig ist. Formal soll das im Film zwar über die Thedoziee-Frage rationalisiert werden, doch das ist eben nur die Fassade: Josh leitet seinen Bezug darauf mit einem eher schwammigen Verweis auf den freien Willen als Grund dafür ein, dass es das Übel in der Welt gibt. Doch – und weitaus wichtiger – er stimmt dem Professor am Ende der Debatte darin zu, dass er nichts bewiesen habe.
Auf der anderen Seite gibt jedoch auch Josh am Ende seiner ersten Präsentation an, dass ihn stichhaltige Gegenargumente nicht von seiner Ansicht abbringen könnten. Der Grund dafür wurde bereits angesprochen: Es ist die radikale Subjektivierung seines Glaubens, die Tatsache, dass Gott für ihn eben nicht tot sei. Dahinter steht auch eine letztlich emotionale Begründung, zumindest insoweit Josh sie selbst gibt: namentlich geht es um eine emotionale Furcht, die er immer dann äußert, wenn er angibt, Gott oder Jesus nicht enttäuschen zu wollen. So subsistiert das inhaltliche Herzstück des Films gerade nicht in einem rationalen, intellektuellen oder vernünftigen Disput zwischen zwei entgegengesetzten Sichtweisen; es stehen sich stattdessen zwei subjektive Emotionen gegenüber, von denen eine als objektiv falsch dargestellt wird.1
Auf die Spitze treiben diese Subjektivierung des Gottesglaubens jedoch die Figur des Pastor Jude und dessen Verhältnis zu Disneyland: Der Vergnügungspark kann im Rahmen des Films nämlich auch als eine nur leicht verschleierte Metapher für das ewige Leben gelesen werden. Und unter diesem Paradigma findet sich ein Disput zwischen Pastor Dave und Pastor Jude, der in schöner Analogie zur Debatte zwischen Josh und dem Professor steht: Pastor Dave dekonstruiert die (naive?) Vorstellung von Pastor Jude darüber, wie Disneyland sei (geschlossene Unterwasserwelt, nicht die größte Achterbahn der Welt); Pastor Jude verweist im Gegenzug jedoch auf seine Vorstellung, in der das alles am größten, besten und tollsten sei. Er schmettert damit jedes rationale Argument von außen ab und schließt sich gewissermaßen in seine eigene kleine und selbstgebastelte Vorstellungswelt ein.
Schließlich steht auch noch das Bekenntnis der Newsboys: Für sie sei Gott ebenso real wie Amy oder sie selbst. Diese extreme Subjektivierung des Glaubens mag sich dem ersten Eindruck nach zwar freundlich und tolerant anhören. Sie perpetuiert jedoch ipso facto das Narrativ der kulturellen Elite, das dem Glauben keinen objektiv-realen und damit eben auch keinen rationalen Grund zusprechen mag, sondern ihn lediglich in der subjektiven Befindlichkeit des Einzelnen verorten kann und will.
Hier verpasst der Film gnadenlos die Gelegenheit, über die Inszenierung der Kontroverse zwischen Josh und dem Professor auch die Rationalität des Glaubens darzustellen und zu unterstreichen. Notwendig dazu wären adäquat inszenierte Debatten, die auf der Sachebene über die vorgelegten Argumente eben das spiegeln, was sich im Privatleben des Professors über die (zwar primär emotionale, aber eben auch vernünftige) Beziehungsebene mit Mina abspielt: dass er den Logos (wieder-)entdeckt – und das eben nicht nur als amorphes (biblisches) „Wort“, sondern als in die Welt gelegte und in der Welt wirklich vorhandene Vernunft, die ihm im Hörsaal als abstrakte Hoffnung und im Privatleben als konkretes historisches (Liebes-)Ereignis begegnet. So hätte seine letztlich vollzogene Bekehrung auch einen tatsächlichen Grund, der sich aus der Filmhandlung schlüssig ergibt.2
Ayisha, Martin, und Gott der Vater.
In ähnlicher Weise ließe sich der christliche Bezug zu Gott-Vater im Film verankern, wenn zwei Szenen etwas abgeändert bzw. angepasst würden:
Das Gespräch zwischen Pastor Dave und Ayisha
Wenn Ayisha in Pastors Daves Büro sitzt, wäre dies die Gelegenheit, die Vaterschaft Gottes herauszustellen. Anstatt mit Phil 4,12 zu kommen, könnte Dave auf Mt 10,35-36 rekurrieren – zunächst zur Verwunderung sowohl Ayishas als auch Judes: schließlich ist Dave ja nur halbherziger Diakon bzw. Seelsorger und vergreift sich hier halt im Ton. An dieser Stelle könnte Pastor Jude auf Grundlage von Mt 6,26 nicht nur Dave zur tätigen Hilfe bewegen, sondern das Wirken des Vaters in der Kirche seines Sohnes auslegen und damit die diakonia als Teilhabe am Werk des Vaters verankern. Als Folge davon könnte und sollte dann jedoch auch die Szene entfallen, in der Dave und Jude nun endlich nach Disneyland fahren, und zwar zugunsten einer Szene, in der Dave gegenüber Ayisha in die spirituelle Vaterschaft tritt und ihr auch Obdach und Nahrung gibt. Hieran könnte sich, um den Punkt noch einmal ganz nach Hause zu bringen, anschließen, dass Ayishas Vater es doch auch noch in seinen Taten bereut (und nicht nur angedeutet-emotional), dass er seine Tochter verstoßen hat,3 weswegen er sie in der Campuskirche bei Dave und Jude sucht bzw. findet. Der sich daraus ergebende Dialog zwischen Ayisha und ihrem Vater könnte dann Lk 2,49 emulieren.
Das Gespräch zwischen Martin und Josh
Ebenso böte sich im Unibib-Dialog zwischen den beiden Kommilitonen an, auf Gott-Vater zu sprechen zu kommen, und die notwendigen Zutaten sind bereits in der Szene vorhanden: Sowohl Martin als auch Josh gehen über das bloße Pflichtprogramm ihres Erstsemesterkurses hinaus, indem sie zusätzliche Lektüre lesen – dies könnte jedoch aus ganz unterschiedlichen Motivationen heraus geschehen.4 Hier böte es sich an, anstelle von Joshs schlechtem Gewissen, Jesus nicht enttäuschen zu wollen, eine positive Beziehung zwischen ihm und Gott-Vater zu illustrieren, die in Kontrast steht zur Beziehung zwischen Martin und seinem leiblichen Vater: Während Martin die zusätzliche Arbeit aus reinem Pflichtgefühl und leerem Gehorsam gegenüber seinem Vater auf sich nimmt, um später dann ein ökonomisch ebenso erfolgreiches Leben führen zu können wie dieser, so könnte Josh die Mehrarbeit auf sich nehmen, weil er aus seinem Inneren heraus zu Gott-Vater streben möchte – vielleicht ja auf Grundlage von 1 Joh 3,1: namentlich als Person, die sich als immer schon geliebt wahrnimmt und deswegen in Liebe zu demjenigen strebt, aus dem diese Liebe strömt; und das nicht bloß aus seiner subjektiv-emotionalen Befindlichkeit heraus, sondern aufgrund derjenigen rationalen Einsicht, die er auch im Hörsaal vertritt. Das kann infolge für Martin die sich intrinsisch aus der Filmhandlung ergebende Motivation besorgen, diese für ihn so ungewohnte und fremde Vaterbeziehung näher zu beschauen,5 was ihm dann einen stringenten Schubs in Richtung Christentum verleiht.6
Amy, die Newsboys, und Gott der Heilige Geist.
Ein häufig thematisierter Kritikpunkt am Film ist es, dass am Ende der Professor stirbt und er darüber seine große Bekehrungsszene erhält, während sich dies für Amys Charakterentwicklung sehr viel besser eignen würde: Sie, die gesellschaftlich aktive linksatheistische Agitatorin solle sich im Krankenhaus nach langer Krebserkrankung doch noch zum Christentum bekehren, um so in Frieden sterben zu können. Während dies eine zugegebenermaßen bessere Handlungsentwicklung wäre als das tatsächlich im Film präsentierte Ende, ginge es doch auch noch besser, und das meint auch: sinnvoller. Und vor allem: dafür müsste kein Atheist sterben.7
Ähnlich wie die beiden vorigen Dialogszenen, so bietet eigentlich auch Amys Interviewszene mit den Newsboys eine gute Grundlage, um eine spezifisch christliche Gottesbeziehung zu kommunizieren: Anstatt auf Joh 1,1 sollten die Newsboys hierbei auf Joh 20,22 verweisen, was zugleich dadurch Sinn ergäbe, als sie hiermit ihre künstlerische Inspiration bekennen könnten. Die Frage, woher Amy ihre Inspiration, ihren Antrieb zum Handeln, bezieht, könnte diese wiederum – wie man es von einer linksatheistischen Bloggerin erwarten könnte – damit quittieren, dass diese Szene, in der Jesus seine Jünger mit dem Heiligen Geist anhaucht, ja der Gipfel der Unverschämtheit sei: denn dadurch würde man sich ja selbst zu einem erlesenen Haufen auserwählter Menschen rechnen, die eine göttliche Mission hätten. Den darauf logischen Konter könnte man dann dem Drummer in den Mund legen, um den köstlichen Schlagzeugerwitz zu erhalten: Joh 20,22 ist ein Echo von Gen 2,7 – und darum sind alle Menschen auserwählt, eine göttliche Mission zu erfüllen.
Hier könnte nun der Brückenschlag erfolgen zur Motivation, die eigentlich hinter Amys Engagement als Bloggerin steht: nicht Klicks, nicht Werbepartner oder Geld wie sie es am Anfang des Films gegenüber Mark angibt – sondern Gerechtigkeit. Und dies wiederum ließe sich im Rahmen des Dialogs auslegen als vom selben Geist gestiftet, der auch die Newsboys in ihrem Wirken antreibt: Während es bei der Band und ihren Liedern das prophetische Reden oder die Vermittlung von (Gottes-)Erkenntnis ist, sei Amys Streben nach Gerechtigkeit ihrer wahren Natur nach die Unterscheidung der Geister. Und als Hoffnung könnte hier dann ganz subtil die Heilung von Krankheit als weitere Gabe des Geistes einfließen.8 So hätte Amy neben der zuvor schon als Änderung für den Film genannten Beziehung zu Mina eine weitere sich aus der Handlung intrinsisch ergebende Motivation, sich in Richtung des Christentums zu neigen. Hierüber könnte dann das Gebet der Newsboys für Amy wirklich eine tragfähige Bedeutung erhalten.
Pastor Dave, Pastor Jude, und die hypostatische Union.
Diese verschiedenen und verschiedenartigen Erfahrungen könnten schließlich zusammengehalten werden durch Pastor Dave und Pastor Jude, die die Einheit der Gottesbezüge am Ende auslegen und erläutern. Wesentlich hierfür erscheint es deswegen, diesen beiden am Ende des Films die Bühne zu überlassen, so dass es alles in allem besser wäre, statt des abschließenden Newsboys-Konzertes einen Gottesdienst oder eine Andacht o.ä. in der Campuskirche in Szene zu setzen. Darin könnte nicht nur der Bezug zur Kontroverse zwischen Josh und dem Professor glaubhaft thematisiert werden,9 sondern hier wäre auch tatsächlich inhaltlicher Raum für den Bezug zu Mt 10,32-33, insofern das Zeugnis zum Leitmotiv der Auslegung gereicht. Dabei könnten die beiden Pastoren sich die Bühne insofern teilen, als Pastor Dave eine Auslegung der Geschehnisse und Erfahrungen von der menschlichen Seite her liefert, während Pastor Jude es um die Perspektive ergänzt, die auf Gott hin blickt. Das wäre wiederum eine weitere Art und Weise, um die hypostatische Union, das beieinander, ineinander und miteinander der menschlichen und göttlichen Natur in der Person Christi zu illustrieren: diesmal nicht in den beiden Aspekten der Handlungen von Mina, sondern eben im je vorhandenen Handeln zweier unterschiedlicher Charaktere, die durch ihr Pastorenamt verbunden sind.
Letztlich sollte in diesem Zuge auch der Tod des Professors gänzlich vermieden werden. Nicht nur, um die verquere und zynische Moral, die Pastor Jude im tatsächlichen Film an den Tag legt, zu vermeiden,10 sondern auch, um der Bekehrung des Professors wirkliches Gewicht zu verleihen: Denn statt dieser Todesszene wäre es eine viel wirkmächtigere Szene, wenn der Professor nach der Besinnung auf das, was seine Mutter ihm vor ihrem Tod noch mitgegeben hat, in der Schlusseinstellung des Films außen vor der Türe der Campuskirche stünde. So könnte am Ende die offene Frage stehen, ob er nun wegen Mina, die in der Andacht sitzt, oder wegen der Andacht selbst dort zugegen ist – oder für beide.
Der Slogan „Gott ist nicht tot“ könnte auf diese Weise im Sinne des Irenäus von Lyon begrifflich gemacht werden: gloria Dei homo vivens.
Fußnoten
- Dies entspricht dem typischen Narrativ der kulturellen Elite in der Postmoderne, denn die objektiv falsche Emotion ist diejenige der anderen, während die eigene Emotion als objektiv richtig gilt. Das bedeutet am Ende nichts anderes als die bloße Abwertung des anderen in seinem Anders-Sein. ↩︎
- Das ist am Ende natürlich auch eine Abkehr vom bloß formal-deklaratorischen Bekenntnis des (bloßen) Namens Jesu hin zur Begegnung mit der Bedeutung dieses Namens, und dies über den Weg der imitatio Christi bestimmter Filmfiguren; ganz nach dem Prinzip show, don’t tell. ↩︎
- You know, um dem moslemischen Stereotypen des Films zumindest etwas Menschlichkeit zu verleihen. ↩︎
- In der tatsächlichen Filmhandlung haben beide ein ähnliches, wenn nicht gar dasselbe Motiv: nämlich das aus schlechtem Gewissen erwachsene Pflichtgefühl gegenüber einer Autoritätsperson. ↩︎
- Vielleicht macht er das ja im Dialog mit seiner Tutorin, i.e. die Assistentin des Professors? ↩︎
- Im Gegensatz zur tatsächlichen Filmhandlung, wo Martins einzige Motivation in Richtung Christentum wirklich nur darin zu bestehen scheint, dass Josh Jesus nicht enttäuschen möchte. Joshs Ansatz im Film kann zwar rein formal als privates Zeugnis für Jesus Christus interpretiert werden, es ist jedoch wie gesehen inhaltlich eigentlich mausetot: Auch hier erzählt der Film das Narrativ der kulturellen bzw. herrschenden Elite, insofern der Protagonist des Films, der am stärksten profilierte Streiter für Gott innerhalb der Filmhandlung, sich nur mehr in religiösem „Afterdienst“ (Immanuel Kant) übt. ↩︎
- Auch und vor allem nicht der Professor, dessen Tod überhaupt nicht durch irgendwelche intrinsischen Motive der Filmhandlung angestoßen scheint (abgesehen von einem karmischen Spätausläufer wie zuvor angesprochen), sondern vom extrinsischen Bedürfnis her, dem höchstdotierten Schauspieler des Filmensembles eine solche Sterbeszene zu geben, damit er die entsprechenden Register seiner Schauspielkunst ziehen kann (sog. Oscar bait). ↩︎
- Dies freilich theologisch korrekt mit dem Hinweis darauf, dass es hierbei nicht um bloße Schwärmerei geht und diese Hoffnung keinen Arztbesuch ersetzt, sondern komplementiert. ↩︎
- Schließlich ist Pastor Dave ja Uni-Seelsorger und kann so direkt über die Debatte informiert sein im Unterschied zu Willie Robertson (?) und den Newsboys (??), die darüber aus den lokalen Nachrichten (???) erfahren – als ob die Geschehnisse im Zuge einer Einführungsveranstaltung für Erstsemesterstudenten wirklich von Lokalmedien aufgegriffen und mit so einer Breitenwirkung rezipiert würden. ↩︎
- Unmittelbar nach dem Tod des Professors deutet Pastor Jude dies bereits als Grund zur Freude – und auch hier erzählt der Film ein Narrativ der herrschenden bzw. kulturellen Elite, insofern diese daran interessiert ist, die religiöse (und darin speziell auch: christliche) Moral als menschenverachtend zu inszenieren. Pastor Judes zynische Bemerkungen sind dabei gewissermaßen der Schlussstein für Joshs eher konfuse Auslassungen zum Thema Theodizee. ↩︎

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