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Mäßige bis schlechte Argumente im Film – „Gott ist nicht tot“: eine Analyse (3/5)

Redaktionelle Anmerkung: Diese Filmanalyse entstand bereits 2019 als Beitrag für ein am Ende doch nicht realisiertes Rezensionsprojekt.

Teil 1Teil 2

Im Film „Gott ist nicht tot“ bringt der Protagonist Josh Wheaton im Hörsaal drei konkrete Argumente vor, die er mit einem impliziten Rekurs auf die Pascalsche Wette einleitet, was in seinem letzten Argument noch einmal aufgegriffen wird. Da seiner Ansicht nach Gottes Existenz nicht vernünftig bewiesen werden könne, müsse die Entscheidung aufgrund probabilistischer Erwägungen im Rahmen einer Art von forensischem Indizienprozess gefällt werden.1

Blaise Pascal hingegen postuliert mit seiner Wette etwas bloß Ähnliches als Voraussetzung seiner pragmatischen Überlegungen zur rationalen Wahl. Denn er geht von einer (hypothetischen) Situation aus, in der dem wählenden Subjekt gleich starke Argumente für und gegen die Existenz Gottes vorliegen. Technisch ausgedrückt bedeutet das: Pascals (hypothetisches) Subjekt hält die Wahrscheinlichkeit von Gottes Existenz zwar für größer als 0, aber für kleiner als 1 – und nur in diesem Zusammenhang ist die Wette auch rational bzw. gültig: Als Argument wendet sich die Pascalsche Wette ausschließlich an Agnostiker und nicht wie Joshs Indizienprozess im Film an Atheisten2 – denn diese setzen die Wahrscheinlichkeit für Gottes Existenz ja bei 0 an. Zugleich muss bedacht werden, was bei Pascal auf Gott wetten und gegen Gott wetten bedeutet: Es heißt, als rationales Subjekt anhand des Nutzenerwartungswertes die Entscheidung für oder gegen ein religiöses Leben zu fällen.3 Um welchen Gott bzw. um welche konkrete Religion es in der Wette geht, wird nicht expliziert. Das ergibt sich nämlich lediglich aus den sozio-kulturellen Umständen, innerhalb derer Pascal seine Überlegungen formuliert und die darum – ganz im Sinne eines individuellen dharma – stillschweigend vorausgesetzt werden müssen (was natürlich wiederum zur Gesamtaussage des Films passt).4

Joshs Position in diesem simulierten Gerichtsprozess sei wiederum genau dann als erfolgreich verteidigt zu werten, wenn nicht bewiesen werden könne, dass Gott nicht existiere. Dieser Versuch zur Beweislastumkehr ist einerseits eine Abkehr vom Projekt der klassischen Apologetik, die logisch schlüssige und stringente Argumentationen für die Existenz Gottes vorlegen möchte. Andererseits scheint es jedoch auch bezeichnend für den Zustand weiter (und vor allem eben leider auch: populärer) Teile der zeitgenössischen Apologetik. Dementsprechend bringt Josh folgendes in seinem „Gottesprozess“ vor die versammelten „Geschworenen“:

Ein kosmologisches Argument

Josh präsentiert als erstes eine wirklich schlechte Version des sog. „kosmologischen Kalām-Arguments“,5 das in sich wiederum eine mäßige bis schwache Formulierung eines kosmologischen Argumentationsganges darstellt. Joshs Argumentationsgang in einer formalisierten Darstellung beginnt mit einem beobachteten Sachverhalt, fügt eine interpretierende Autorität hinzu, hängt daran dann ein passendes Bibelzitat, und gelangt so zur Schlussfolgerung:

  • Weil die moderne Physik in Widerspruch zu Aristoteles’ Meinung über die Ewigkeit der Welt den Urknall als kosmologischen Beginn annehme,
  • und weil Georges Lemaitre, Astronom und „Theist“,6 den Urknall als Entsprechung zum biblischen Schöpfungsakt angesehen habe,
  • und weil der Urknall zu Gen 1,3 passe,7
  • sei ergo „die Bibel im Recht“ und es deute „alles auf einen Schöpfer hin“.

Ein „Design-Argument“

Josh zielt in seiner zweiten Präsentation auf die nichtreduzierbare Komplexität bestimmter Naturphänomene, insofern er Sprünge in der natürlichen Entwicklung postuliert, die ausschließlich durch einen Gott erklärt werden könnten. Dabei schreibt er das Axiom natura non facit saltus irrtümlich Charles Darwin zu, obwohl dieses Prinzip bereits seit der vorsokratischen Philosophie existiert und nach Aristoteles auch von z.B. Leibniz und Newton angenommen wurde, ehe der Botaniker und Zoologe Carl von Linné (auf den die bis heute verwendete biologische Taxonomie zurückgeht) es in explizit dieser Form vorgebracht hat.

Joshs Argumentationsgang in einer formalisierten Darstellung setzt auch hier auf einen beobachteten Sachverhalt, dem eine interpretierende Autorität hinzugefügt wird, ehe er über ein passendes Bibelzitat zur Schlussfolgerung kommt:

  • Weil die Evolutionstheorie keine Antwort auf die Entstehung des Lebens gebe, sondern lediglich auf dessen Entwicklung,8
  • und weil die meisten heutigen Lebensformen gemäß Lee Strobel, „bekannter Autor“,9 zeitlich betrachtet erst sehr spät aufgetaucht seien,
  • und weil Gen 1,20 besage, dass „die Schöpfung entstand, weil Gott es so wollte“,
  • sei ergo anzunehmen, dass diese vermeintlich zufälligen Sprünge in der natürlichen Entwicklung das Ergebnis eines göttlichen Plans sein könnten.

Ein Argument aus der Moral

Josh gibt schließlich am Ende der dritten Seminarsitzung das im Rahmen der Filmhandlung stärkste, d.h. am besten inszenierte und umgesetzte Argument, auch wenn dies für den Zuschauer durch den darin verwobenen Angriff ad hominem gegen den Professor erheblich verwässert und abgeschwächt wird.10 Im Wesentlichen soll Josh hier wohl dasjenige Argument aus der Moral vertreten, welches sogar der atheistische Philosoph J. L. Mackie unter der Voraussetzung akzeptiert hätte, dass Moral tatsächlich objektiv sei.11

Joshs Argumentationsgang in einer formalisierten Darstellung wandelt das bekannte Format diesmal ab, indem er mit einer (begründeten) Vermutung über den Professor beginnt, einen logischen Grundsatz anfügt, diesen durch eine Autorität wiederholt, und so bei der Schlussfolgerung ankommt:

  • Weil der Professor einen Betrugsversuch bei einer Vorlesungsprüfung als unmoralisch ablehnen würde,
  • und weil es ohne Gott eigentlich keinen Grund gebe, moralisch zu sein,
  • und weil Dostojewski gesagt habe, dass ohne Gott alles erlaubt (und qua Erweiterung auch: sinnlos und bedeutungslos) sei,
  • sei ergo die freie Wahl zwischen den Optionen Glaube und Nichtglaube an Gott für den Einzelnen zwingend notwendig.

Josh greift hier am Ende wieder die implizite Pascalsche Wette vom Anfang auf, insofern er betont, lediglich eine freie Entscheidung der Kommilitonen herbeiführen zu wollen, die der Professor ihnen durch autoritäre Bevormundung verwehren möchte. Zugleich besteht sein Meta-Argument natürlich darin, dass er Gottes Existenz aus den Konzessionen des Professors zu beweisen vorgibt: Der Professor gibt an, Gott zu hassen. Josh weist darauf hin, dass man Nicht-Existentes nicht hassen könne.12

Diese drei gegebenen Argumentationen sind nun allesamt jedoch mehr als schlechte Versionen, vielleicht sogar schlichte Karikaturen der fünf Wege des Thomas von Aquin:

  1. Der kosmologisch grundierte Argumentationsgang (erster bis dritter Weg).
    Aus der Beobachtung von a) Bewegung, b)Wirkursächlichkeit und c) Kontingenz wird geschlossen auf a) ein unbewegtes Bewegendes, b) ein unverursachtes Verursachendes und c) ein in sich Notwendiges.
  2. Der teleologisch grundierte Argumentationsgang (fünfter Weg).
    Aus der beobachtbaren Intelligibilität (Verstehbarkeit) der Welt wird auf einen ursprünglichen Intellekt geschlossen. Nota bene: Es handelt sich hierbei – und entgegen Richard Dawkins’ populärem Vorurteil – um kein „Design-Argument“!
  3. Der transzendental grundierte Argumentationsgang (vierter Weg).
    Aus der beobachtbaren Abstufung der Güte in den Dingen wird auf ein in sich Gutes bzw. höchstes Gut geschlossen.

Es gäbe jedoch auch alternative Argumente für den Fall, dass Thomas von Aquin als Vertreter der katholischen Hochscholastik nicht genehm ist,13 oder für den Fall, dass Argumente a posteriori nicht so toll sein sollen wie Argumente a priori:14

Das ontologische Argument

Hierbei wird aus einem formalen Gottesbegriff auf die Realität des Begriffsinhaltes geschlossen. Berühmte historische Versionen dieses Argumentes stammen von Anselm von Canterbury, Baruch de Spinoza, dem „vorkritischen“ Immanuel Kant, Kurt Gödel – sowie René Descartes. Unter anderem aus seiner „Abhandlung über die Methode“. Massiv eingedampft argumentiert Descartes dort wiefolgt:

  • Gott ist ein vollkommenes Wesen.
  • Insofern das zweifelnde Bewusstsein Gewissheit von Zweifel unterscheiden kann, braucht es a priori eine Vorstellung von Vollkommenheit, denn Gewissheit ist vollkommener als Zweifel.
  • Da diese Vorstellung von Vollkommenheit aber nicht aus dem unvollkommenen, da zweifelnden Bewusstsein selbst kommen kann, muss sie von außen stammen.
  • Ergo existiert außer dem zweifelnden Bewusstsein ein vollkommenes Wesen.

Eigentlich wäre für den Zuschauer genau dieses Argument als erstes von Josh zu erwarten gewesen: Schließlich hat der Professor seinen Studenten nach der ersten Sitzung des Philosophie-Einführungskurses die Lektüre von Descartes’ „Abhandlung über die Methode“ aufgetragen. Josh hätte also zum Auftakt seiner Disputation mit dem Professor eigentlich bloß noch einmal Teil 4 dieser Abhandlung vorzulesen brauchen – „noch einmal“ deswegen, weil dieser Teil der Abhandlung in genau derjenigen Sitzung besprochen wurde, in der Josh seine erste Präsentation hält. Das kann der Zuschauer daran sehen, dass der aus Teil 4 der Abhandlung stammende berühmte Satz „Ich denke, also bin ich“ an der Tafel steht. Josh hätte für seine erste Präsentation also auch gar keine Mehrarbeit gehabt: Er hätte, wie alle anderen Kursteilnehmer, lediglich die Seminarlektüre lesen müssen.15

Letztlich besteht der unbestreitbare Vorteil dieses Arguments gerade darin, dass es ein Argument aus dem expliziten Zweifel heraus ist, und damit gerade die radikalen Skeptiker anspricht. Zudem wäre der frame des Professors („alter Mann im Himmel“, „himmlischer Diktator“) durch den gegebenen Gottesbegriff gesprengt worden. Und zwar ex concessis des Professors.

Das grammatische Argument

Analog zu den vielen anderen Argumenten, die sich mit der Existenz eines göttlichen Intellekts oder Bewusstseins befassen, hat Robert Spaemann sein „Argument aus der Grammatik“ formuliert. Massiv eingedampft argumentiert er wiefolgt:

  • Reales ist als Real-Gewesen-Seiendes zeitlos wahr.
  • Real-Gewesen-Seiendes kann nur als Gewusst-Seiendes zeitlos wahr sein.
  • Damit Real-Gewesen-Seiendes als Gewusst-Seiendes zeitlos wahr sein kann, bedarf es notwendig eines unendlichen Bewusst-Seins, das dieses Wissen in sich trägt.

Der explizite Vorteil des Arguments: Es ist ein dezidiert „nach-nietzscheanisches“ Argument für Gott, und damit auch eine ganz bewusste Antwort auf das Diktum „Gott ist tot“.16 Es würde also mit diesem Argument direkt der Anspruch des Professors auf- und angegriffen, die Studenten mögen jenes Diktum unterschreiben. Und es wäre damit ein zweites Argument vorgelegt, das direkt auf den Zusammenhang der Vorlesung (und damit auch der Filmhandlung) Bezug nimmt anstatt einfach eine generische evangelikale Rhetorik in den Hörsaal zu werfen.17

Das Argument aus den Kategorien der praktischen Vernunft

Dieses Argument geht auf Immanuel Kant zurück, und es hat historisch zur Entwicklung des o.g. „Arguments aus der Moral“ zumindest beigetragen. Kants Gedankengang, auch hier wieder massiv eingedampft:

  • Die Harmonie von Sittlichkeit (höchstes moralisches Gut) und Glückseligkeit (höchstes physisches Gut) ist möglich, da die praktische Vernunft uns mit der Realisierung des höchsten Gutes nichts Unmögliches als allgemeinverbindlich gebieten kann.
  • Diese Harmonie (d.h. das höchste Gut in moralischer und physischer Hinsicht) kann jedoch weder aus der physischen Natur selbst stammen noch aus dem moralischen Handeln selbst kommen:
    • Sie kann nicht aus der physischen Natur stammen, da diese kausal geschlossen und an deterministische Gesetze gebunden ist, und damit auch nicht die für das moralische Handeln notwendige Freiheit besitzt bzw. hervorbringen kann.
    • Sie kann nicht aus dem moralischen Handeln kommen, da dieses an eine Umsetzung in der physischen Natur gebunden ist und zumindest insoweit dessen kausaler Determination unterliegt, und damit nicht die dafür hinreichende Freiheit besitzt.
  • Darum muss in der praktischen Vernunft als Bedingung der Möglichkeit dieser Harmonie ein Welturheber als Endzweck angenommen werden.

Der implizite Vorteil dieses Arguments: Es eröffnet die theoretische Möglichkeit, aus der Harmonie von höchstem moralischem Gut und höchstem physischem Gut, die notwendig die Annahme Gottes voraussetzt, eine Analogiebrücke zur hypostatischen Union, also zur Vereinigung von göttlicher und menschlicher Natur in der Person Christi zu bauen. Das wiederum könnte im Rahmen der Filmhandlung den Disput zwischen Josh und dem Professor glaubhaft erhitzen und auf die persönliche Ebene hieven.18

Der wesentliche Unterschied

Was die im Film tatsächlich gegebenen Argumente von den genannten Alternativen unterscheidet, ist letztlich der Gottesbegriff, der daran geknüpft ist: Der im Film über die Argumente präsentierte Gott ist nämlich ein steriler und blutleerer, weit entfernter und distanzierter Gott. Der im Film präsentierte Gott ist ein Gott, …

  • der in einem mechanistischen Kosmos zeitlich ganz am Anfang steht (Joshs kosmologisches Argument),
  • der die Lücken bestimmter biologischer Wirkungen im Kleinsten direkt ausfüllt (Joshs „Design-Argument“),
  • und der bestimmte moralische Satzungen von ganz oben erlässt (Joshs Argument aus der Moral).

Dahinter steht am Ende ein nur mehr deistisches und demiurgisches Gottesbild – ein intelligenter Uhrmacher, ein feinmotorischer God of the gaps und eine oberste Rechtsinstanz –, aber keine schöpferische Realität, die per se unmittelbare Bedeutung für die personale Wirklichkeit des einzelnen Menschen in der Gegenwart hätte. Diese Bedeutung wird erst durch den – akzidentiellen, das heißt: zufälligen – Rekurs auf die Bibel realisiert, aber nicht notwendig aus den Argumenten selbst abgeleitet: Wenn der durch Joshs Argumente gefundene Gott mit dem Gott der Bibel identisch sein soll, dann ist er das lediglich aufgrund von historischer und kultureller Zufälligkeit – eben weil Josh als Christ das z.B. behauptet –, aber nicht durch ontologische Notwendigkeit.

Dies steht in einem sehr starken Kontrast zu den drei gegebenen alternativen Argumenten, gemäß derer Gott in mehrerlei Hinsicht die ontologisch notwendige Bedingung der Möglichkeit darstellt: sei es für das Zweifeln, sei es für die Wahrheit, sei es für die Realisierung des höchsten Gutes. Dahinter verbirgt sich gleichermaßen für den Einzelnen und seine personale Realität, die sich im Zweifel befindet, nach Wahrheit strebt oder das höchste Gut verfolgt, eine immer schon an sich unmittelbare Bedeutung Gottes.19 Davon abgesehen handelt es sich bei den alternativen Argumentationsgängen auch nicht um bloß probabilistische Erwägungen, die sich im Rahmen einer prinzipiellen Nicht-Beweisbarkeit Gottes den Indizien widmen, um so informierte Wahrscheinlichkeiten zu ermitteln. Ganz im Gegenteil sind die Argumente logische Gedankengänge, die stringente Demonstrationen liefern.20

Die genannten alternativen Argumente sind damit nun zwar nicht per se „christliche“ oder gar biblische Argumente, sondern philosophische Gedankengänge. Doch gerade das gereicht ihnen zum Vorteil, weil eben für den Zweck der Filmhandlung und des Philosophie-Einführungskurses überhaupt nicht mehr als das gefordert wird: das Überschreiten der Schwelle vom A-Theismus hin zum Theismus.

Joshs Versagen

Letzten Endes versagt Josh auf ganzer Linie, wenn wir die biblische Motivation – und damit den von ihm selbst gesteckten Maßstab – seines Unterfangens betrachten, namentlich Mt 10,32-33:

Wer nun mich bekennet vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.21

Diese Passage ist explizit trinitarischer Natur, indem Jesus hier auf den Vater rekurriert. Es geht in diesem Herrenwort also nicht bloß um ein abstraktes Bekenntnis zu Gott, sondern es geht um ein konkretes Bekenntnis zum dreifaltigen Gott, um ein Bekenntnis zum Sohn. Das hingegen leistet Josh in seinen Präsentationen an keiner einzigen Stelle. Nur einmal bezieht er sich explizit auf Jesus, und zwar wenn er sich mit Martin, dem chinesischen Studenten, in der Unibibliothek unterhält. Hier legt Josh seine Motivation dar, weswegen er sich die (zumindest für die erste Präsentation tatsächlich unnötige) Mehrarbeit22 mit diesen Präsentationen aufhalst: Er möchte Jesus nicht enttäuschen. Damit ist nun zwar klargestellt, dass Josh für sich annimmt, Jesus sei Gott – ein Bekenntnis „vor den Menschen“, d.h. in diesem Zusammenhang: ein Bekenntnis im Hörsaal liefert er jedoch nicht. Im Gegenteil: Joshs Argumente könnten auch von Juden oder Moslems (oder gar manchen Hindus) vorgetragen werden, ohne dass formal allzu viel verändert werden müsste.23 Hinzu kommt dabei noch, dass Josh im Gespräch mit Martin seine eigene Überzeugung selbst radikal subjektiviert, insofern er betont, dass Gott für ihn eben nicht tot sei. Das mag für sich genommen nicht wie eine große Sache klingen, fügt sich aber nahtlos in die insgesamt subjektivistische Art und Weise ein, nach deren Manier sein Auftreten in der Kontroverse angelegt ist, und dies bildet die inhaltliche Brücke vom dharmisch-objektiven Handlungszusammenhang des Films zu den emotional-subjektiven Zuständen der handelnden Figuren im Film.

Um nicht missverstanden zu werden: Josh kann in dieser Sache nur versagen – denn der selbst gesteckte Maßstab anhand von Mt 10,32-33 ist in so einem Zusammenhang schlichtweg nicht einzuhalten.24 Notwendig dafür wäre nämlich nicht nur ein Gottesbeweis, der die Grenze vom Atheismus hin zum Theismus transzendiert, also eben das, was den eigentlichen Zweck der Präsentationen ausmacht. Sondern notwendig wäre infolge und zugleich noch ein Beweis für die Göttlichkeit Jesu, der einerseits mindestens die Grenze vom Judentum hin zum Christentum transzendiert und andererseits immer schon den Grenzüberschritt von einem abstrakten Theismus hin zur konkret biblischen Religiosität voraussetzen muss, was seinerseits jedoch auch einer Begründung bedarf. So etwas wäre in der Theorie zwar durchaus möglich. Aber es ist ganz praktisch unmöglich im Rahmen von drei Zwanzigminutenreferaten eines evangelikalen Erstsemesterstudenten am Rande einer Philosophie-Einführungsvorlesung bei einem anti-theistischen Professor. So etwas macht man eben nicht einfach nebenbei – und in dieser Hinsicht hat Josh sich und dem Zuschauer schlichtweg viel zu viel vorgenommen und versprochen.

Fortsetzung folgt …


Fußnoten

  1. Dies sagt Josh übrigens in inhaltlichem Widerspruch zu Röm 1,20 – was natürlich ein Grund sein könnte, warum diese Stelle zuvor nicht von Pastor Dave genannt wurde. Explizit schreibt der Pastor an Josh ja per Handy auch noch, er solle nicht „clever“, also kein „Besserwisser“ sein. ↩︎
  2. Oder besser: angebliche Atheisten – schließlich entpuppt sich der Professor ja am Ende als verkappter enttäuschter Christ (er ist ein sog. „Misotheist“, also ein „Gotteshasser“), und der Atheismus seiner Kommilitonen wird von Josh letztlich auch bloß unterstellt. ↩︎
  3. Interessant dabei ist Pascals Handlungsempfehlung, man solle – da die Wette ja eine Entscheidung für Gott als rational etabliert – gar nicht nach weiteren Argumenten in die eine oder andere Richtung suchen und stattdessen zur Realisierung dieser rationalen Wahl das Verhalten der anderen Gläubigen zur Not schlicht imitieren. ↩︎
  4. Fairerweise muss man natürlich anfügen, dass die Pascalsche Wette nur unter solchen soziokulturellen Umständen funktioniert, die ein ewiges und glückseliges Leben als Resultat eines religiösen Lebens versprechen. Denn ein häufiger Einwand gegen die Wette besteht im Verweis auf die Lehre der Allversöhnung, die den Nutzenerwartungswert des religiösen Lebens ins Leere laufen lässt. ↩︎
  5. In der syllogistischen Form, wie das Argument von William Lane Craig vorgebracht wird, lautet es: Alles, was zu existieren beginnt, hat eine Ursache. (Obersatz) -> Die Welt hat zu existieren begonnen. (Untersatz) -> Ergo hat die Welt eine Ursache. (Konklusion) – Josh gibt, mit viel gutem Willen seitens des Zuschauers, lediglich den Untersatz wieder (und das mit ebenso viel gutem Willen im Rahmen eines Enthymems), und behauptet daraus die Konklusion als evident. ↩︎
  6. Tatsächlich war Lemaitre sogar katholischer Priester, und er hat u.a. gegen den Physiker Albert Einstein eine wissenschaftliche Theorie verteidigt, deren Kernkonzept von kritischen Stimmen abwertend als „Urknall“ (big bang) bezeichnet wurde. ↩︎
  7. Dies überrascht zunächst insofern, als Gen 1,3 im Gegensatz zu Gen 1,1 eigentlich gar nicht die Schöpfung als solche thematisiert, sondern bereits deren Gestaltung. Es passt aber natürlich zum Demiurgen als einziger Möglichkeit innerhalb des gegebenen framing. ↩︎
  8. Das stimmt tatsächlich, denn die Abiogenese stellt in der Biochemie das komplementäre Forschungsgebiet zur Evolution dar – sie markiert also einen eigenen Wissenschaftsbereich. Der Verweis auf den beobachteten Sachverhalt setzt also darauf, dass das Publikum in dieser Hinsicht schlichtweg uninformiert ist. ↩︎
  9. Tatsächlich ist Strobel sogar ein evangelikaler Apologet, dessen autobiographisches Buch „The Case for Christ“ verfilmt wurde und 2017 bei „Pure Flix“ erschien; zuvor hatte Strobel bereits 2016 einen Cameo-Auftritt in der Fortsetzung „Gott ist nicht tot 2“. ↩︎
  10. Dramaturgisch ist das natürlich insofern notwendig, als jede filmische Umsetzung eines Gerichtsprozesses einen Moment braucht, in dem der Verteidiger einen Zeugen so sehr unter Druck setzt, dass dieser psychologisch zusammenbricht und seine eigentliche Position preisgibt. ↩︎
  11. Obersatz: Wenn Moral objektiv ist, dann muss es eine übernatürliche bzw. göttliche Ursache dafür geben. -> Untersatz: Moral ist objektiv. -> Konklusion: Ergo gibt es diese übernatürliche bzw. göttliche Ursache. – Josh gibt in seiner Präsentation mehr oder minder den Obersatz des Arguments wieder, während er den Untersatz eher ungeschickt aus dem hypothetischen Verhalten des Professors ableiten möchte. ↩︎
  12. Dies läuft natürlich insofern in die Leere, als Fiktionales, das zwar nicht reell, aber als Fiktion eben doch ideell existiert, durchaus das Objekt von Hass sein kann. ↩︎
  13. Was zum evangelikalen extrinsischen Ursprung des Filmes passt, der der presuppositionalistischen Apologetik näher steht denn der klassischen Apologetik. ↩︎
  14. Was zur intrinsischen Einbettung innerhalb der Pascalschen Wette passt, die selbst ein Argumentationsgang a priori ist. ↩︎
  15. Wobei es natürlich durchaus verwunderlich ist, dass ein Professor, der betont, dass er in seiner Veranstaltung keine Diskussion über die Existenz Gottes führen möchte, seinen Studenten die Lektüre ausgerechnet eines Gottesbeweises aufträgt – und das war der Plan bereits bevor Josh sich als renitent erwiesen hat: Denn die Hausaufgabenlektüre steht auf der Rückseite der Tafel, und diese wird erst zum Sitzungsende enthüllt, sie wurde also schon vor der Sitzung beschrieben, als der Professor noch keine Ahnung von Josh hatte. Dass mit dem Gottesbeweis aus Descartes’ Abhandlung auch gleichzeitig dessen Widerlegung besprochen wurde, erscheint insofern unwahrscheinlich, als der Professor neben der Lektüre von Descartes’ Abhandlung auch noch den Abschnitt aus Humes Abhandlung über den Intellekt zur Induktion sowie, dies im spontanen Nachgang, Bertrand Russells Aufsatz „Warum ich kein Christ bin“ aufgibt. In keinem der beiden wird jedoch der ontologische Argumentationsgang besprochen und kritisiert. Russell geht in seinem Aufsatz zwar auf einige Argumente für Gott ein, doch das ontologische Argument spricht er darin nicht an. Hume kritisiert zwar mit etwas gutem Willen das ontologische Argument, dies aber in seinem „Dialog über natürliche Religion“ und nicht in der Abhandlung über den Intellekt. Der Professor müsste also eine noch viel extremere Abweichung von seinem eigentlichen Lehrplan vorgenommen haben als die 20 Minuten, die er Josh bereits für dessen Präsentation zur Verfügung stellt. ↩︎
  16. Durch den Gebrauch des Futur II, der durch Prämisse 1 beschrieben wird, ist dieses kulturelle
    Ereignis eben (noch?) nicht eingetreten, da zumindest in praktisch-pragmatischer Hinsicht diese Art der Transzendenz immer noch zumindest unterschwellig vorhanden ist. ↩︎
  17. Dieser generische Charakter der gebotenen Argumentationsgänge gehört wohl zu den ärgerlichsten Dingen im Film – hier haben die Autoren einfach geschlampt (auch weil sie sich ganz offenbar überhaupt nicht darüber erkundigt haben, wie so eine Philosophie-Einführung tatsächlich aussieht) und aus der eigentlich doch ganz interessanten Prämisse des Films viel zu wenig gemacht. ↩︎
  18. Vielleicht sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass Russell in seinem Aufsatz „Warum ich kein Christ bin“ auf Kant und sein Argument zu sprechen kommt. Kurioserweise kritisiert Russell aber nicht das Argument, welches Kant tatsächlich vorbringt – er kritisiert nämlich lediglich, dass Kant ein Argument formuliert hat, indem er ihn psychologisiert –, sondern Russell kritisiert das Argument, das hinter Joshs dritter Präsentation steht. Russells Gegenargument besteht wesentlich im sog. „Euthyphron-Dilemma“: Ist das Gute deswegen gut, weil Gott es will, oder will Gott das Gute deswegen, weil es (in sich) gut ist? Damit kann man u.U. Joshs Argument aushebeln, insofern es eben nicht klargestellt hat, wer (oder was) Gott ist. Kants Argumentationsgang bleibt davon jedoch unberührt, da Gott hier eben kein schlichter Wertsetzer oder Gesetzgeber o.ä. ist, sondern die Bedingung der Möglichkeit für die Realisierung des höchsten Gutes, womit der Gott aus Kants Argument über dem Dilemma steht. ↩︎
  19. Dies steht letztlich auch im Widerspruch zu Blaise Pascal, der behauptete, dass der „Gott der Philosophen“ nicht der „Gott der Väter“ sei. ↩︎
  20. Das trifft auch auf Kants Argument aus den Kategorien der praktischen Vernunft zu, obschon hier immer die Einschränkung getroffen wird, dass dies ja kein „echter“ theoretischer Beweis aus der reinen Vernunft sei, sondern lediglich ein abgeleitetes praktisches „Postulat“. ↩︎
  21. Der Film bzw. die deutsche Synchronisation verwendet nicht die (katholische) Einheitsübersetzung als Textgrundlage, sondern (eine) Variante(n) der Luther-Übersetzung. ↩︎
  22. Bezeichnenderweise ist das erste, was Josh an Martin interessiert, ob er da Pflichtlektüre liest oder nicht – und als Martin verneint, will Josh sofort weitergehen. ↩︎
  23. Zumindest müsste nichts verändert werden, das die Anschlussfähigkeit eines Christen verhindern könnte. Eher würden seine Argumente wohl stärker werden, siehe das „Kalām-Argument“, das ursprünglich aus der islamischen Theologie (Kalām) stammt. Davon abgesehen rekurriert er biblisch auch nur auf den Bericht der Genesis, so dass seine Präsentationen auch eins zu eins von einem Juden gehalten werden können. Hier vermengt der Film also schlichtweg zwei Ebenen der Apologetik. ↩︎
  24. Das gilt selbst unter den erleichterten Bedingungen des alternativen dritten Argumentationsganges aus den Kategorien der praktischen Vernunft: Der Sprung von der Harmonie des höchsten moralischen und des höchsten physischen Gutes zur hypostatischen Union könnte zwar (im Rahmen der Filmhandlung dramaturgisch) gerechtfertigt werden; ob es jedoch (inhaltlich) auch zufriedenstellend begründet werden kann, betrifft eine separate Diskussion. ↩︎

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