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Mächt ma des?

Die grüne „laut BILD ‚Ex-FDP-Influencerin‘“ Höllenaufsicht konstatiert auf Twitter:

Keine Feministin gratuliert jemals einer Faschistin.

Sie bezieht sich dabei freilich auf einen Tweet der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, in dem diese die neu ins Amt gebrachte italienische Premierministerin Giorgia Meloni dazu beglückwünscht, als erste Frau jenen Posten zu übernehmen.

Im Lichte der empirischen Beobachtung lässt diese so kategorisch vorgebrachte These letztlich nur zwei mögliche Optionen zu:

  1. Die Gratulantin ist entweder keine Feministin.
  2. Oder die Gratulierte ist keine Faschistin.

Beide Möglichkeiten sind nicht zufriedenstellend:

  • Zum einen verkörpert die ehemalige deutsche Familienministerin in ihrer Biographie wesentliche Ansprüche gerade des Zweite-Welle-Feminismus; und auch ihr politisches Handeln hat konsequent zentrale feministische Forderungen reflektiert und umgesetzt.
  • Zum anderen hat die italienische Ministerpräsidentin nach eigenen Angaben ein eher unbeschwertes Verhältnis zum historischen Faschismus; sie steht zudem einer Partei vor, die über das Erbe der Alleanza Nazionale auch die Tradition des neofaschistischen Movimento Sociale Italiano fortführt.

Damit scheinen beide Option sachlich schlicht unzutreffend, die These offenbart sich als inhärent problematisch. Der Ausweg kann letztlich nur im kritischen Blick auf die Vorannahmen der Aussage liegen – denn die These setzt stillschweigend voraus, dass „Feminismus“ synoym steht zu „moralisch gut“. Und insofern „Faschismus“ mit „moralisch schlecht“ verknüpft ist, bestünde in der Tat eine Inkompatibilität, die angesichts der empirischen Beobachtung irgendwie aufgelöst werden muss.

Tatsächlich ist die Gleichsetzung von „Feminismus“ mit „moralisch gut“ jedoch ein Ausdruck von cultural supremacy, von kulturellem Vormachtsdenken – und das steht in scharfem Widerspruch zu den Ansprüchen eines liberalen und repräsentativ-demokratischen Gemeinwesens:

Keine religiöse, philosophische, politische, ideologische oder weltanschauliche Überzeugung, Zugehörigkeit oder Verbindung ist per se, d.h. in sich, an sich und für sich „gut“. Sie alle verweisen auf entweder etwas ultimativ Gutes (Religion), auf das Gute selbst (Philosohie), auf das Gemeingut bzw. Gemeinwohl (Politik) oder auf bestimmte (Einzel-)Güter (Ideologie); davon leiten sie letztlich ihr eigenes Gut-Sein bzw. ihre eigene Güte ab. Es ist insofern gleichgültig, ob es nun um das Christentum, um den Thomismus, um den Liberalismus, um den Feminismus oder sonst einen -ismus geht: Sie alle verweisen auf und benötigen etwas zu ihnen Externes, von dem sie wiederum ihre eigene Validierung und Rechtfertigung ableiten. Genau jene extern stehende Quelle des eigenen Gut-Seins bzw. der eigenen Güte öffnet diese Phänomene gegenüber Kritik: denn durch den Abgleich des jeweiligen Phänomens mit der Quelle seiner Güte wird ein beobachtbarer Standard etabliert, der erfüllt wird oder nicht.

Erst wenn eine gewisse kulturelle Voreingenommenheit, Befangenheit oder Einseitigkeit in Spiel kommt, die in dieser Hinsicht einen Vorgabewert (eine default position) setzt – also eine Art von Suprematie verwirklicht -, können die genannten Phänomene als „gut“ in sich, an sich und für sich behauptet werden. Dadurch werden diese Phänomene jedoch ipso facto von einem externen Maßstab abgeschnitten und gegenüber Kritik immunisiert.

Es erscheint darum geboten, den Blick immer auch auf die jeweiligen kulturellen Vorannahmen zu richten und sie wo nötig herauszufordern und zu kritisieren.

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