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Es gibt keinen Rassismus gegen weiße.

Weiß-sein ist keine Frage der Hautfarbe, sondern ein sozio-kulturelles Konstrukt, das ethnozentrische Macht- und Gewaltstrukturen etabliert. Wer in diesen Strukturen unterdrückt wird, ist Nicht-weiß. Wer seinerseits in diesen Strukturen unterdrückt, ist weiß. Es geht dabei folglich auch nicht um individuelles (Selbst-)Empfinden, sondern um strukturelle Analyse: Ob ein einzelner Mensch sich selbst als weiß oder Nicht-weiß wahrnimmt, ist irrelevant.

Es stimmt zweifellos, dass das Begriffspaar „weiß“ – „Nicht-weiß“ nur mäßig zu einer wirklich differenzierten und differenzierenden Analyse taugt, auch und gerade weil es sich dabei bevorzugt um politische Schlagworte handelt, die zu allem Überfluss auch noch hochgradig eurozentrisch geprägt sind. Besser scheint es in diesem Lichte, von ethnozentrischen Strukturen zu sprechen, weil dies zunächst einmal die konkrete Gruppe der Unterdrückten und Unterdrückenden zugunsten formaler Beobachtungen hintanstellt. Welche konkrete Gruppe in solch einer Struktur dann welche konkrete Rolle innehat, stellt eine Frage dar, die darauf aufbaut und die Struktur bereits voraussetzt.

Wer von „Rassismus gegen weiße“ spricht und damit exklusiv Mittel- oder Westeuropäer meint, der folgt nicht diesem Ansatz der strukturellen Analyse, sondern beginnt bei einer Position, die im Extremfall selbst ethnozentrisch sein kann.

Und ja, das heißt: Insofern beispielsweise Polen, Dänen oder Niederländer im Zuge der preußischen Germanisierungspolitik unterdrückt wurden, lassen sich umgangssprachlich (i.e. naiv aufgrund der kutanen Pigmentierung) als „weiß“ gelesene Europäer als Nicht-weiße in diesen Macht- und Gewaltstrukturen analysieren. Analoges gilt auch z.B. für Balten, Belarussen, Ukrainer oder Wolgadeutsche als Unterdrückte im Zuge der Russifizierungspolitik seitens zaristischer oder sowjetischer Machthaber*innen. Dies mag, zugegeben, zunächst natürlich als hochgradig kontra-intuitiv erscheinen, folgt jedoch logisch aus den gegebenen Kriterien und Voraussetzungen.

Gleichsam kann dieser analytische Blickwinkel durchaus anerkennen, dass Gruppen, die in einem konkreten Zusammenhang unterdrückt werden – also Nicht-weiße sind -, ihrerseits in einem anderen konkreten Zusammenhang zu den Unterdrückenden gehören, also weiß sein können. Es kömmt letztlich immer darauf an, a) den konkret vorliegenden Zusammenhang und b) den konkret vorliegenden Sprachgebrauch zu beachten – und ggf. zu hinterfragen, zu kritisieren oder gar zu verwerfen.

Letztlich besteht nämlich die große Gefahr darin, durch naives Schlucken eines vorgesetzten ethnozentrischen Sprachgebrauchs, der beispielsweise exklusiv auf die kutane Pigmentierung abzielt, vorhandene Unterdrückungsstrukturen unsichtbar zu halten oder gar aktiv zu verdecken.

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